Ihr sitzt vor eurem PC, 2007, ein nagelneuer Vista-Rechner mit Dualcore-Prozessor. Auf dem Bildschirm: Tricia Helfer in einer Nod-Uniform, die euch direkt in die Kamera ansieht und irgendwas von Tiberium-Kontrolle erzählt. Ihr wisst nicht, ob ihr das Spiel starten oder einfach das Video nochmal gucken wollt. Willkommen bei Command & Conquer 3 – wo Battlestar Galactica auf Echtzeitstrategie trifft.
Im dritten und letzten Teil der Command & Conquer Retrospektive nehmen sich Gordon und Tobi die Spiele vor, die nach Generals kamen – und damit den langsamen, schmerzhaften Niedergang einer der größten Spielereihen der Gaming-Geschichte. Von Tiberium Wars mit seinem Hollywood-Cast über Red Alert 3 als herrlich durchgeknalltes “Last Action Hero der Strategiespiele” bis zum Totalausfall Tiberian Twilight. Plus: Warum das RTS-Genre heute quasi tot ist, was EA alles falsch gemacht hat, und warum Gordon am liebsten sofort ein neues Command & Conquer entwickeln würde.
Falls ihr die vorherigen Teile verpasst habt: In Teil 1 unserer C&C-Retrospektive ging’s um Dune 2, den Tiberiumkonflikt, Alarmstufe Rot, Tiberian Sun und Renegade. In Teil 2 haben wir Konsolen-Ports verglichen, Red Alert 2 mit Udo Kier wiederentdeckt und Generals mit seinen explodierenden Gebäuden auseinandergenommen.
Tiberium Wars: Battlestar Galactica trifft GDI
2007. Sieben Jahre nach Tiberian Sun. Die Generals-Engine ist da, die alten Fraktionen sind zurück – und Westwood Studios existiert nicht mehr. EA hat die Entwicklung übernommen und eine Entscheidung getroffen, die Gordon sofort angefixt hat: Sie haben den Cheesiness-Faktor wieder auf 100 gedreht.
Der Cast liest sich wie das Line-up einer Comic-Con: Tricia Helfer (Number Six aus Battlestar Galactica) als Nod-Generalin Killian Qatar. Josh Holloway (Sawyer aus Lost) als Nod-Geheimdienstoffizier. Michael Ironside als GDI-General. Billy Dee Williams – ja, Lando Calrissian himself. Und natürlich: Joseph D. Kucan als Kane. Immer noch. Keinen Tag gealtert.
Gordon: “Ich war ja total hin und weg geflasht als die Tricia Helfer auftaucht. Die war ich damals definitiv verliebt. Number Six. Das war super cool.”
Die Zwischensequenzen sind zurück – nach dem Generals-Experiment ohne FMVs wollten die Fans sie wiederhaben. Nur: Sie funktionieren nicht mehr so wie früher. Gordon stört sich am Format: Du bist der namenlose Commander, und alle reden dich direkt an. “Das ist so aufgesetzt. Ich würde mir lieber Dialoge zwischen den Charakteren angucken, wo die halt miteinander reden und ich einfach nur zugucke.” 2007 war das nicht mehr zeitgemäß – die Spieler waren Cinematics auf Filmniveau gewöhnt, nicht diese Monologe in die Kamera.
Was die Schauspieler angeht: Du merkst sofort, welche Serien 2006/2007 die popkulturelle Landschaft beherrscht haben. Battlestar Galactica und Lost – an diesen Shows kam man nicht vorbei. Passend dazu Jennifer Morrison aus House als GDI-Offizierin. Die ganze Besetzung ist ein Zeitdokument.
Gameplay: Solide, aber die Welt hat sich weitergedreht
Technisch betrachtet war Tiberium Wars kein schlechtes Spiel. Gordon hatte es schlechter in Erinnerung, als es tatsächlich ist: “Auf dem PC wie gesagt in 2007 also schon bisschen her. Weil also um die Spiele uns noch mal in Erinnerung zu holen wir haben Teil 3 und Teil 4 haben wir relativ schnell hintereinander gespielt und ich hatte ein bisschen was vermischt.”
Das Problem: Die Welt der Command & Conquer Spiele hatte sich weiterentwickelt – nur nicht in die richtige Richtung. Während Generals noch ein Meilenstein war als erstes 3D-C&C, bot Teil 3 gameplay-technisch nichts Neues. Das steinschere-papier-Prinzip? Durchexerziert von vorne bis hinten. Der Sammler als dümmste Einheit? Immer noch da. Und das in einer Zeit, in der Company of Heroes (2006) gerade alles umgekrempelt hatte.
“Du musst das halt mit dem messen lassen, was es 2007 gab”, sagt Gordon. “Company of Heroes, Supreme Commander, Schlacht um Mittelerde – die haben alle gezeigt, dass es auch anders geht.” Eine neue Fraktion kam immerhin dazu: Die Scrin, die aliens, die fürs Tiberium verantwortlich sind. Aber eine dritte Fraktion draufzupacken machte das Spiel nicht automatisch besser.
Positiv: Das Addon Kane’s Wrath brachte die vermissten Walker-Einheiten zurück, führte die Story weiter und schuf eine Brücke zwischen Tiberian Sun und Tiberium Wars. Weniger positiv: Kanes Cyborg-Auge sah aus, “als ob einer in einer halben Stunde das Ding aus Pappmaché gebastelt und mit Bastelkleber ins Gesicht geklebt hätte.” Gordon wurde nicht müde, das zu betonen.
Red Alert 3: Das Last Action Hero der Strategiespiele
Und dann kam 2008 Red Alert 3. Und heilige Scheiße.
Gordon formuliert es so: “Die Nachtschicht bei EA hat sich das Papier genommen, alle Einheiten von Red Alert 2 aufgeschrieben – Angriffskraken, Atombomben droppende Zeppeline – und gesagt: Okay, und nun drehen wir es mal auf Level 1000.”
Was dabei rauskam, ist das absurdeste, over-the-top-ste Strategiespiel, das je veröffentlicht wurde. Keine Jetpack-Einheiten – wäre ja zu naheliegend. Stattdessen: Panzer, die Soldaten über die Karte verschießen wie in einer Zirkuskanone. Kampfbären. Mecha-Samurais mit Laserschwertern. Und der Hollywood-Cast? Tim Curry als sowjetischer Premierminister, der am Ende ins All flieht mit dem legendären Satz “SPACE!” – inzwischen ein Internet-Meme für die Ewigkeit.
Die Besetzung liest sich wie ein B-Movie-Traumcast: J.K. Simmons (Spider-Man, Whiplash) als amerikanischer Präsident. George Takei (Star Trek) als japanischer Imperator. Gina Carano als Natascha in einem Outfit, das Gordon als “ganz schön harten Tobak” bezeichnet. David Hasselhoff als Vizepräsident. “Das ist, als ob du heute mit viel Humor versuchen würdest, einen 80er-Jahre-Actionfilm zu machen”, sagt Gordon.
Gordon: “Red Alert 3 ist das Last Action Hero der Strategiespiele. Das letzte Mal, dass ein klassisches RTS wirklich Spaß gemacht hat.”
Tobi und Gordon haben die japanische Kampagne des Uprising-Addons gespielt, in der du eine telepathisch begabte Einzelkämpferin durch Missionen voller Mechs, Gandams und Samurai-Roboter steuerst. Es hat nichts mit irgendeinem realistischen Zeitalter zu tun. Es macht einfach Spaß. Und das – so Gordon – ist der Punkt: “Die haben sich einen Scheiß drum bemüht, irgendwas nachvollziehbar Realistisches zu machen. Die haben lustigen Schwachsinn produziert.”
Tiberian Twilight: Der Tag, an dem Command & Conquer starb
2010. Drei Jahre nach Tiberium Wars. EA bringt Command & Conquer 4: Tiberian Twilight raus. Es soll der krönende Abschluss der Tiberium-Saga werden. Was es stattdessen wurde: Ein Desaster.
“Ich habe das gespielt als das rausgekommen ist und ich habe es keine halbe Stunde lang durchgehalten, weil ich es nicht verstanden habe”, sagt Gordon. “Dann haben wir es hier noch mal gespielt und wir haben es auch nicht verstanden.”
Was haben sie gemacht? Alles anders. Kein Ressourcensammeln mehr. Kein klassischer Basenbau. Statt einer festen Basis fährst du einen riesigen mobilen Walker durch die Gegend. Du musst dich vor jeder Mission entscheiden: Angriff, Verteidigung oder Unterstützung – und bekommst dann nur die zugehörigen Einheiten. Du kannst nie gleichzeitig Männchen, Panzer und Flugzeuge haben.
Gordon: “Wer von euch hirnverbrannten Affen hat sich das denn ausgedacht? Ich will alles haben! Panzer, Männchen und Flugzeuge! Ich will meine Basis nicht umherschicken! Ich will Tiberium abbauen! Was ist das für eine Scheiße?”
Das Metacritic-Ergebnis spricht Bände: 64 von Kritikern, 2.0 von Spielern. “Wer wer von euch hirnverbrannten Affen hat sich das denn ausgedacht” – das fasst die Community-Reaktion ziemlich akkurat zusammen. Keine Schauspieler mehr, die man kennt. FMVs, die wie “eine ganz billige Fernsehserie” wirken. Das Spiel hat sich nicht verkauft und war nie für Konsolen erschienen, obwohl es offensichtlich dafür designt wurde.
Gordon sieht in Teil 4 den Versuch, Dawn of War 2 nachzuahmen – weniger Einheiten, modularer Basenbau, taktischer statt strategisch. Nur hat Dawn of War 2 das Warhammer-40K-Universum im Rücken und ein Team, das wusste, was es tat. Bei C&C 4 wirkt alles wie ein Experiment, das nach 20 Monaten Entwicklung einfach rausgehauen wurde.
Warum EA Command & Conquer getötet hat
Gordons Analyse ist schonungslos: EA hat Westwood Studios für 122,5 Millionen Dollar gekauft (wie wir in Teil 2 ausführlich besprochen haben) – und dann nie gewusst, was sie mit der IP eigentlich machen wollen.
“Die hatten keine Vision”, sagt Gordon. “Die haben den Leuten immer das aufgezwungen, was sie haben wollten, statt andersrum.” Browser-Games, Mobile-Games, die IP auf alles draufgeklatscht, was gerade Trend war. 2012 kam Tiberium Alliances als Browser-Spiel – entwickelt von EA Phenomic, dem Studio, das vorher die Siedler-Reihe betreut hatte. Das Studio wurde ein Jahr nach Launch geschlossen. Dann kam Rivals als Mobile-Game – mit eSports-Ambitionen, Celebrities und einem Shitstorm, den man von Weitem riechen konnte.
“Das ist halt diese Zeit gewesen”, sagt Gordon. “2007 kam das iPhone raus. Alle wollten auf den Trend aufspringen. Und dann hast du so ein klassisches Gameplay wie Command & Conquer, das musst du halt irgendwie zurechtstutzen.” EA hat versucht, eine Nischen-Zielgruppe mit Casual-Trends zu füttern – und dabei beide verloren.
Das RTS-Genre: Tot oder nur im Winterschlaf?
Am Ende des Podcasts stellen sich Gordon und Tobi die Frage: Gibt es überhaupt noch klassische Echtzeitstrategie? Gordon öffnet Steam, klickt auf “Strategie” – und findet: nichts. Zumindest nichts, was an die goldenen Zeiten herankommt.
“Die drei Großen waren Westwood, Blizzard und Ensemble Studios”, sagt Gordon. “C&C, Warcraft/Starcraft und Age of Empires. Und keiner von denen macht mehr klassische RTS-Spiele.” Was es gibt: Paradox-Hardcore-Titel wie Crusader Kings und Stellaris. Company of Heroes 3 in der Alpha. Indie-Projekte, die versuchen, die alte Formel wiederzubeleben. Aber der Mainstream? Der hat sich in MOBAs aufgelöst – ironischerweise entstanden aus einer Warcraft-3-Mod.
Tobis Strategie-Erfahrung nach C&C beschränkt sich auf Dawn of War (“richtig cool”), Warcraft 3 (“mega geil, haben sogar kompetitiv versucht zu spielen”) und Empire at War (“immer noch geil, aber von 2005”). Gordon hat alles gespielt – und findet trotzdem nichts Aktuelles: “World in Conflict war richtig geil. 2007. Alles alt.”
Was Gordon sofort entwickeln würde
Zum Abschluss entwickelt Gordon live im Podcast sein Traumspiel: Ein neues Command & Conquer, das Tiberian Sun mit Generals kombiniert. Echtzeitstrategie in der Draufsicht – aber mit einem Tastendruck springst du in jede Einheit rein und steuerst sie in First Person. Im Coop sitzen deine Kumpels in den Panzern, die du als Commander befehligst. Sie sehen deine Befehle, können aber eigene Entscheidungen treffen.
“Du musst nicht in die Viecher reingehen. Du kannst es aber. Und wenn du es machst, verlierst du die strategische Übersicht – aber dein Panzer wird zur Eliteeinheit.” Dungeon Keeper trifft Renegade trifft klassisches RTS. Klingt verrückt. Klingt geil. Wird wahrscheinlich nie passieren.
Wie spielt man Command & Conquer heute? 🎮
Gordons und Tobis Empfehlungen für den Einstieg:
- Remastered Collection (Steam) – Teil 1 + Red Alert, komplett neu aufgelegt mit 4K-Grafik und umschaltbar zwischen alt und neu. Der beste Einstieg.
- Ultimate Collection (EA App) – Alle 17 Spiele für circa 7 €. Funktioniert aber bei fast keinem Titel out-of-the-box. PC Gaming Wiki ist euer Freund.
- Freeware-Versionen – C&C 1, Alarmstufe Rot 1 und Tiberian Sun sind offiziell kostenlos. Fan-Downloader mit Patches liefern das bessere Erlebnis als die EA-Version.
- OpenRA – Open-Source-Neuimplementierung der klassischen Spiele mit modernem Komfort.
Command & Conquer Remastered Collection auf Steam:
Command & Conquer Remastered Collection auf Steam

Wusstet ihr schon? 🎮
🎬 Tim Currys legendärer “SPACE!”-Moment aus Red Alert 3 ist eines der bekanntesten Gaming-Memes überhaupt. Auf YouTube hat die Szene Millionen Views – und auf dem Villains Wiki steht, Curry habe kurz vor dem Wort “Space” ein deutliches “Corpsing” gezeigt (also versucht, nicht zu lachen).
🌟 Red Alert 3 hatte den teuersten Cast aller C&C-Spiele: Tim Curry, J.K. Simmons, George Takei, David Hasselhoff, Jonathan Pryce und Gina Carano – plus Jenny McCarthy und Peter Stormare. Insgesamt über 20 namentlich bekannte Film- und TV-Schauspieler.
🎮 C&C 3: Tiberium Wars (2007) versammelte die Stars zweier damaliger Kult-Serien: Tricia Helfer und Grace Park aus Battlestar Galactica plus Josh Holloway aus Lost. Die Besetzung war ein direktes Abbild der popkulturellen Landschaft von 2006/2007.
💀 Tiberian Twilight erhielt einen User-Score von nur 2.0 auf Metacritic – einer der niedrigsten in der Geschichte von EA. Im Vergleich: Selbst das kontroverse SimCity (2013) kam auf 2.3.
🏢 EA Phenomic, das Studio hinter dem C&C Browser-Spiel Tiberium Alliances (2012), wurde nur ein Jahr nach dem Launch geschlossen. Das Studio war zuvor für die Siedler-Reihe und SpellForce bekannt – beides deutlich bessere Spiele.
🎵 Die Soundtracks aller Command & Conquer Spiele sind auf Spotify und anderen Streaming-Plattformen verfügbar. Frank Klepacki hat zum Jubiläum ein Remix-Album mit den “Tiberian Sons” veröffentlicht – perfekt für den Nostalgie-Trip.
🕹️ Die C&C Remastered Collection (2020) erlaubt es, in Echtzeit zwischen klassischer Pixelgrafik und neuer 4K-Grafik umzuschalten – ein Trend, den unter anderem Halo und Monkey Island populär gemacht haben.
💣 Renegade X, ein Fan-Remake von C&C Renegade auf der Unreal Engine 3, wurde 2014 kostenlos veröffentlicht. Es brachte den Multiplayer-Shooter im C&C-Universum zurück – komplett als Community-Projekt.
🎭 Joseph D. Kucan (Kane) war der einzige Schauspieler, der in ALLEN C&C-Spielen mit FMV-Cutscenes auftrat – vom ersten Teil 1995 bis Tiberian Twilight 2010. Eine Karriere von 15 Jahren als derselbe Videospiel-Bösewicht.
⚽ Gordon vergleicht C&C mit dem englischen Fußball: “England hat Fußball erfunden, aber die sind nicht die Besten darin. Westwood hat das moderne Strategiespiel erfunden – aber andere haben es besser gemacht.”
Viel Spaß beim Hören!
Tobi & Gordon
Trefft uns auf unserem Discord-Server
Schaut uns live zu auf Twitch


[…] allen anderen Strategiespielen den Boden aufgewischt”. Aber das ist Geschichte für Teil 3 der C&C-Retrospektive – wo es um Tiberium Wars mit Hollywood-Cast, Red Alert 3 als das “Last Action Hero der […]