Die Spider-Man Spiele der 2000er-Jahre sind eine einzige Achterbahnfahrt zwischen Filmlizenz-Fließband und echten Überraschungen. Nachdem wir in Teil 1 unserer Spider-Man-Spiele-Retrospektive die komplette 8- und 16-Bit-Ära durchgeackert haben – inklusive einer ernüchternden Trefferquote von drei spielbaren Titeln bei über 15 besprochenen – geht es jetzt in die Ära, in der Tobey Maguire das Kino eroberte und Spider-Man plötzlich auf jeder erdenklichen Plattform erschien. Ausgebildete Game Designer Gordon und Tobi haben sich durch den kompletten Katalog der Spider-Man Spiele gearbeitet, vom Game Boy Color über die erste Xbox bis zur PlayStation 3.
Und was kam dabei raus? Spoiler: Die Sam-Raimi-Filme haben eine wahre Flut an Spider-Man Spielen ausgelöst – jedes Jahr mindestens ein Titel, für jede Plattform eine eigene Version, vom Game Boy Advance über den N-Gage bis zur PSP. Die meisten davon könnt ihr getrost vergessen. Aber zwischendrin verstecken sich ein paar echte Perlen, von denen eine sogar bis 2018 als bestes Spider-Man-Spiel überhaupt galt.
Wie es vor dieser Ära aussah, erfahrt ihr in Teil 1. Wie die Geschichte nach 2008 weitergeht, lest ihr im dritten und letzten Teil der Spider-Man Games.
Alle Spider-Man Spiele der Folge im Überblick
Hier die komplette Übersicht aller besprochenen Spider-Man Spiele aus Teil 2 – die Ära der Filmlizenzen und Open-World-Experimente. Wer sich die Details sparen will, sieht hier sofort, was sich lohnt.
| Spiel | Entwickler | Publisher | Plattform(en) | Jahr | Verdict |
|---|---|---|---|---|---|
| Spider-Man 2: The Sinister Six | Torus Games | Activision | Game Boy Color | 2001 | 😐 |
| Spider-Man 2: Enter Electro | Vicarious Visions | Activision | PS1 | 2001 | 😐 |
| Spider-Man: Mysterio’s Menace | Vicarious Visions | Activision | GBA | 2001 | 👍 |
| Spider-Man (Film, 2002) | Treyarch / Digital Eclipse | Activision | GBA, GC, Xbox, PS2, PC | 2002 | 😐 (Konsole) / 💩 (GBA) |
| Spider-Man 2 (Film) | Treyarch / Digital Eclipse | Activision | GBA, GC, Xbox, PS2, PSP, DS, N-Gage | 2004 | 😐 (Konsolen) / 💩 (GBA) |
| Ultimate Spider-Man | Treyarch / Vicarious Visions | Activision | GBA, GC, Xbox, PS2, DS | 2005 | 👍 (GBA) / 😐 (Konsolen) |
| Spider-Man: Battle for New York | Torus Games | Activision | GBA, DS | 2006 | 💩 |
| Spider-Man 3 (Film) | Treyarch / Vicarious Visions | Activision | GBA, Xbox 360, PS3, Wii, PS2, DS | 2007 | 💩 |
| Spider-Man: Friend or Foe | Next Level Games / Beenox | Activision | Xbox 360, Wii, PS2, PSP, DS, PC | 2007 | 😐 |
| Spider-Man: Web of Shadows | Shaba Games / Treyarch | Activision | Xbox 360, PS3, Wii, DS, PC | 2008 | 👍 |
Die Highlights – und Lowlights – im Detail
Spider-Man: Mysterio’s Menace (GBA, 2001) – Die heimliche Perle
Zwischen all dem Lizenz-Schrott auf dem Game Boy Advance sticht Mysterio’s Menace heraus wie ein leuchtender Spider-Tracer. Vicarious Visions – ja, die Leute, die auch Tony Hawk 2 auf den GBA gezaubert haben – haben hier gezeigt, dass man auf Nintendos Handheld durchaus ordentliche Spider-Man Spiele machen kann. Das Spiel sieht zwar optisch nach einem seltsamen Mischmasch aus: vorgerenderte 3D-Gegner neben gezeichneten Hintergründen, dazu 3D-Items, die wie Fremdkörper im 2D-Level wirken.
Tobi: “Erstmal sah es richtig scheiße aus. Aber ich habe es tatsächlich durchgespielt. Es macht einfach Spaß. Du kannst deine Level so ein bisschen auswählen, und der letzte Level war ein bisschen sehr schwer, aber nach einigen Versuchen habe ich es dann geschafft.”
Das Besondere: Du kannst die ersten vier oder fünf Level frei wählen, bevor du zum Endboss gelangst. Und die Balance stimmt – anders als bei fast allen anderen Handheld-Spider-Man-Titeln. Zusammen mit dem GBA-Spiel zu Ultimate Spider-Man das einzige, bei dem Tobi sagt: “Das lohnt sich wirklich noch.”
Verdict: 👍 Solide
Spider-Man (2002) & Spider-Man 2 (2004) – Die Filmmaschine läuft heiß
Als Sam Raimis Spider-Man-Film 2002 die Kinos sprengte, war klar: Ab jetzt wird jeder Film zum Spiel. Und zwar für jede Plattform, die irgendwer besitzt. Das Ergebnis? Ein Fließband an mittelmäßigen bis schlechten Versoftungen, die alle dem gleichen Schema folgen: Level-basiert, den Film nacherzählen, generische Gegner verkloppen. Die Konsolen-Versionen (Xbox, PS2, GameCube) sind levelbasiert in 3D, du kletterst über Hochhäuser ohne Brüstung und fragst dich, wie die ganzen Schergen da überhaupt hochgekommen sind.
Gordon: “Ich frag mich immer noch bis heute, wie diese ganzen Goons auf die Dächer von den Hochhäusern kommen. Und warum verflucht noch eins nicht ein einziges Hochhaus auf dem Dach irgendeine Brüstung oder Reling hat.”
Spider-Man 2 (2004) gilt bis heute als Wendepunkt – zumindest auf den Konsolen. Es war das erste richtige Open-World-Spider-Man-Spiel, in dem du frei durch Manhattan schwingen konntest. Die Schwingmechanik war das große Ding: Du hattest echtes Momentum, hast dich an Gebäuden festgeheftet statt in den Himmel zu schießen. Das kam so gut an, dass viele Fans es bis zum PS4-Titel von 2018 als bestes Spider-Man-Spiel überhaupt bezeichneten.
Allerdings: Heutzutage ist das alles ziemlich archaisch. Die Stadt wirkt verlassen, die Open World ist eher eine Pflichtübung als ein Vergnügen, und du lieferst im ersten Level Pizzas aus. Ja, Pizzas. Im Spider-Man-Kostüm. Wer sich dabei an unseren Batman Spiele Retro-Check erinnert fühlt: Auch bei DC dauerte es ewig, bis jemand die Open World hinbekommen hat.
Und dann ist da die GBA-Version von Spider-Man 2: Die haben ernsthaft versucht, 3D auf dem Game Boy Advance zu machen. Das Ergebnis läuft mit geschätzten drei Frames pro Sekunde, alles sieht aus wie durch Vaseline geschmiert, und Spider-Man klebt als 2D-Sprite in einer primitiven 3D-Welt. Tobi musste “herzhaft lachen”. Gordon sagt: “Überambitioniert.” Das ist noch diplomatisch ausgedrückt.
Verdict: 😐 Mittelmaß (Konsolen) / 💩 Finger weg (GBA)
Ultimate Spider-Man (2005) – Endlich Comic statt Film
Passend dazu: Als die Filmlizenz-Spiele immer mehr in den Einheitsbrei abdrifteten, kam Ultimate Spider-Man als frischer Wind daher. Statt fotorealistisch auf die Filme zu setzen, orientierten sich die Entwickler am Comic-Stil des Ultimate-Universums. Cell-Shading, cartoonige Zwischensequenzen, und endlich mal ein Spider-Man-Spiel, das nicht nach einem PlayStation-2-Demo-Disc-Titel aussah.
Das Besondere: Du spielst abwechselnd Spider-Man und Venom. Und nicht den Film-Venom, sondern den Ultimate Venom – ein hulkiges Monster, das Gegner absorbiert, um seine Energie aufzufüllen. Im Klartext: Du frisst Leute. Als spielbare Mechanik. Ziemlich cool.
Tobi: “Die Kampagne an sich vielleicht so 6 Stunden lang. Es ist technisch halt sehr sauber gemacht. Aber die Open World war eher so eine aufgesetzte Angelegenheit – du musstest ständig Punkte sammeln, damit die nächste Story-Mission freigeschaltet wird. Reines Wassertreten.”
Die GBA-Version ist überraschenderweise eines der besten Handheld-Spider-Man-Spiele überhaupt – mit endlich vernünftigem Balancing und einem echten Spielspaß-Faktor. Wer Beat-em-Ups auf dem GBA mag, wie sie auch bei den Turtles-Spielen beliebt waren, sollte hier reinschauen.
Verdict: 👍 Solide (GBA) / 😐 Mittelmaß (Konsolen)
Spider-Man 3 (2007) – Film scheiße, Spiel scheiße
Es gibt Spider-Man Spiele, bei denen man sich fragt, ob irgendjemand während der Entwicklung mal reingeschaut hat. Spider-Man 3 ist so ein Spiel. Basierend auf dem mit Abstand schlechtesten Film der Raimi-Trilogie – ihr wisst schon, der mit der Emo-Tanzeinlage und dem katastrophalen Venom – ist auch das Spiel eine einzige Katastrophe.
Gordon: “Extreme Slowdowns, furchtbare Quicktime Events, furchtbares Tutorial – nicht skippbar –, furchtbare Charaktermodelle. Generell furchtbares Spiel.”
Tobi: “Die Frame Rate ist ganz furchtbar. Es macht halt gar keinen Spaß. Es ist alles irgendwie falsch.”
Die Gegner sehen aus wie aus einem 80er-Jahre Duran-Duran-Musikvideo: Zwei Meter groß, nackte Oberkörper mit Lederharnisch, Irokesenschnitt, und bewaffnet mit Straßenschildern inklusive Betonklumpen. Weil sie die ja “aus dem Boden gerissen haben, durch pure Stärke”. Die GBA-Version ist zwar optisch die beste der Trilogie, aber das Schema bleibt identisch: Feuer ausweichen, Leute retten, generische Typen verkloppen.
Zum Film nur so viel: Das einzig Gute daran war, dass Bryce Dallas Howard als Gwen Stacy eingeführt wurde. Ansonsten hat Venom alles kaputt gemacht – im Film wie im Spiel.
Verdict: 💩 Finger weg
Spider-Man: Friend or Foe (2007) – Kompetent, aber langweilig
Friend or Foe ist so ein typisches Wochenend-Coop-Spiel: Technisch sauber, absolut nichts kaputt, aber auch absolut nichts Aufregendes. Ein Top-Down-Brawler im Stil von X-Men Legends, für bis zu vier Spieler an einer Konsole. Du wählst verschiedene Marvel-Charaktere, klopfst stupide auf Gegner ein, und ab und zu leuchtet dein Supermeter auf.
Tobi: “Technisch halt sehr sauber. Aber es ist auch einfach nicht sehr aufwendig gemacht. So typische Auftragsarbeit. Lieblos.”
Jeder Level sieht gleich aus, jeder Kampf fühlt sich gleich an, und du überdauerst die Levels eher, als dass du sie genießt. Es gibt schlimmere Spiele auf dieser Liste, aber auch deutlich bessere Alternativen im selben Genre.
Verdict: 😐 Mittelmaß
Spider-Man: Web of Shadows (2008) – Endlich wieder Comic-Feeling
Und dann kam Web of Shadows. Tobis Notizen sagen alles: “Tolles Gameplay, unterhaltsam und kurzweilig.” Gordon hat es auf der Xbox 360 in sechs bis acht Stunden durchgespielt – am Stück. Das will was heißen nach dem ganzen Lizenz-Schrott davor.
Die Prämisse ist simpel, aber effektiv: Die Venom-Symbionten invadieren Manhattan. Jeder wird infiziert. Die ganze Stadt dreht durch. Und du mittendrin, mit der Wahl zwischen dem roten und dem schwarzen Kostüm – wobei das schwarze Kostüm dich stärker, aber auch aggressiver macht. Mary Jane ist dagegen. Spider-Man-Fans kennen das Drama.
Gordon: “Es ist eher so auf den Comics basiert, nicht auf den Filmen. Du hast viel krassere Fähigkeiten, kannst viel höher schwingen und bist viel schneller unterwegs. Du springst von Gegner zu Gegner und knockst die mit einem Schlag aus. So ein typisches Kombospiel.”
Das Kampfsystem erinnert an ein frühes Arkham – ein Jahr bevor Batman: Arkham Asylum erschien. Du musst verschiedene Strategien für verschiedene Gegnertypen nutzen, statt alles stumpf kaputtzuprügeln. Du heftest dich mit dem Netz an Gegner ran, boostest zu ihnen hin, und kettst Combos aneinander. Luke Cage und Moon Knight tauchen als Verbündete auf – endlich mal Charaktere abseits der üblichen Verdächtigen. Und ja: Black Cat ist auch wieder da. In jedem verdammten Open-World-Spider-Man-Spiel muss man ihr hinterher rennen. Tobi findet das “so nervig”. Wir auch.
Einziger Wermutstropfen: Die PS3-Version leidet unter Rucklern – ein typisches Problem der Ära, wo Multi-Plattform-Titel auf Sonys Cell-Prozessor oft schlechter liefen. Die Xbox-360-Version ist die bessere Wahl.
Verdict: 👍 Solide
Das Grundproblem aller Spider-Man Spiele der 2000er
Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch alle Spider-Man Spiele dieser Ära zieht: Der Superheld mit dem Baseballschläger-Problem. Spider-Man ist der “Friendly Neighborhood Spider-Man” – er rettet Handtaschen, löscht Brände, hilft der Polizei. Er kämpft nicht gegen weltbedrohende Apokalypsen, sondern gegen B-Level-Bösewichter. Und trotzdem mussten die Entwickler jedes Level mit generischen Straßen-Goons füllen, damit der Spieler irgendwas zu tun hat.
Tobi: “Du läufst erstmal durch die Straße, klopfst irgendwelche Typen, dann kommt ein Level mit Feuer, wo du zwischen Feuerquellen navigieren musst. Es ist wirklich in jedem Spiel so.”
Dazu kommt das technische Problem: Spider-Man braucht eine riesige Welt zum Schwingen, aber kämpft am Ende gegen normale Typen in Menschengröße. Zwei völlig konträre Anforderungen an die Spielwelt. Kein Wunder, dass es bis 2018 gedauert hat, bis jemand das wirklich überzeugend gelöst hat. Die cartoonigen Spider-Man Spiele – Mysterio’s Menace, Ultimate Spider-Man, Web of Shadows – waren dabei immer die besseren Titel. Filmrealismus hat in dieser Ära fast nie funktioniert.
Wusstet ihr schon? 🕷️
🎬 Spider-Mans erster Kinotrailer von 2001 zeigte ein Netz zwischen den Twin Towers, in das ein Hubschrauber fliegt – nach dem 11. September musste der Trailer komplett zurückgezogen werden.
🎵 Der Musiker Macy Gray hatte einen Cameo-Auftritt im ersten Raimi-Film bei einer Ballonparade in Manhattan – ein perfektes Beispiel dafür, wie schnell Zeitgeist-Cameos altern.
🕹️ Spider-Man 2 (2004) für den GBA enthält tatsächlich eine Open-World-3D-Passage – die mit geschätzten drei Frames pro Sekunde läuft und aussieht, als hätte man Vaseline über den Bildschirm geschmiert.
📱 Es gibt sogar ein Spider-Man-Spiel für den Nokia N-Gage – Spider-Man 2 von 2004. Gordon besitzt zwei N-Gage-Konsolen, hat aber kein Spider-Man-Spiel dafür.
🦇 Spider-Man: Web of Shadows (2008) nutzte ein Kampfsystem mit verschiedenen Strategien pro Gegnertyp – ein Jahr bevor Batman: Arkham Asylum das gleiche Prinzip berühmt machte.
Viel Spaß beim Hören!
Tobi & Gordon
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