Spider-Man Spiele gibt es wie Sand am Meer. Der Superheld mit den meisten Videospiel-Umsetzungen überhaupt – klingt erst mal beeindruckend, bis man sich anschaut, was dabei so alles rauskam. Spoiler: Für die meisten von euch ist die Antwort ernüchternd. Zwei ausgebildete Spieleentwickler haben sich durch den kompletten Katalog der Spider-Man Spiele gearbeitet – vom Atari 2600 bis zum ersten 3D-Titel im Jahr 2000 – und die ungeschönte Wahrheit ist: Es war ein langer, qualvoller Weg, bis jemand mal ein ordentliches Spider-Man-Spiel hinbekommen hat.
Gordon hat sich als Kind die Todd-McFarlane-Comics reingezogen – ihr wisst schon, der Zeichner mit den riesigen Augen und dem eigenwilligen Netzstil, der später Spawn erfand. Tobi hat sich derweil zigmal die Separation-&-Anxiety-Comics durchgelesen, bis seine Mutter das Paperback zum Stoppen des Fensters zweckentfremdet hat. Beide sind mit dem Game-Boy-Spiel in die Spider-Man-Spielewelt eingestiegen, beide sind nie über Level drei hinausgekommen. Beide sind ausgebildete Game Designer. Macht das besser? Nein. Macht es lustiger? Absolut.
In diesem ersten Teil der Spider-Man Spiele Retrospektive decken wir die komplette 8- und 16-Bit-Ära ab – von 1982 bis zum Jahr 2000. Über 15 Titel, quer über Atari 2600, Game Boy, Mega Drive, Super Nintendo, Arcade, Sega CD, 32X und PlayStation. Wie es danach weitergeht, erfahrt ihr in unserer Spider-Man Games Teil 2 Retrospektive und im dritten Teil der Spider-Man Games.
Alle Spider-Man Spiele der Folge im Überblick
Bevor wir in die Details einsteigen: Hier die komplette Liste aller besprochenen Spider-Man Spiele aus Teil 1. Das gibt euch sofort den Überblick, was sich lohnt – und was ihr getrost vergessen könnt.
| Spiel | Entwickler | Publisher | Plattform(en) | Jahr | Verdict |
|---|---|---|---|---|---|
| Spider-Man | Parker Brothers | Parker Brothers | Atari 2600 | 1982 | 💩 |
| Questprobe: Spider-Man | Adventure International | Adventure International | C64, Apple II, Atari 8-Bit u.a. | 1984 | – |
| The Amazing Spider-Man & Captain America in Dr. Doom’s Revenge | Paragon Software | Medalist International | C64, Amiga, DOS u.a. | 1989 | – |
| The Amazing Spider-Man | Rare | LJN | Game Boy | 1990 | 😐 |
| The Amazing Spider-Man vs. The Kingpin | Technopop | Sega | Mega Drive, Master System, Game Gear, Mega CD | 1991–93 | 👍 (Mega CD) |
| Spider-Man: The Video Game | Sega | Sega | Arcade (System 32) | 1991 | 👍 |
| The Amazing Spider-Man 2 | Bits Studios | LJN | Game Boy | 1992 | 💩 |
| Spider-Man: Return of the Sinister Six | Bits Studios | LJN | NES, Master System, Game Gear | 1992 | 💩 |
| Spider-Man and the X-Men in Arcade’s Revenge | Software Creations | LJN/Acclaim | SNES, Mega Drive, Game Boy, Game Gear | 1992 | 💩 |
| Spider-Man & Venom: Maximum Carnage | Software Creations | LJN/Acclaim | SNES, Mega Drive | 1994 | 😐 |
| Spider-Man (Animated Series) | Western Technologies | LJN/Acclaim | SNES, Mega Drive | 1995 | 💩 |
| Venom/Spider-Man: Separation Anxiety | Software Creations | Acclaim | SNES, Mega Drive | 1995 | 😐 |
| Spider-Man: Web of Fire | BlueSky Software | Sega | Sega 32X | 1996 | 💩 |
| The Amazing Spider-Man: Lethal Foes | NCS | Epoch | SNES (nur Japan) | 1995 | (Teil 2) |
| Spider-Man (2000) | Neversoft / Vicarious Visions | Activision | PS1, N64, Dreamcast, PC, GBC | 2000 | 🏆 |
Die Highlights – und Lowlights – im Detail
Spider-Man (Atari 2600, 1982) – Wo alles begann
Das allererste Spider-Man-Spiel überhaupt. Programmiert von Laura Nikolich, veröffentlicht von Parker Brothers. Drei Screens, ein Turm, eine Bombe entschärfen. Das war’s.
Tobi: “Das ist auch absolut nicht meine Ära. Alles vor dem NES ist für mich auch sehr schwer reinzukommen.”
Gordon: “Wenn man nicht wüsste, dass es Spider-Man ist, weiß ich auch nicht, ob man es erkennt. Sie haben immerhin seine Farben richtig gewählt, mit blau und rot.”
Immerhin: Das Coolste an dem Spiel war laut Gordon die Verpackungsrückseite, auf der Spider-Man und Green Goblin zusammen vor dem Fernseher sitzen und sich das Spiel erklären. Heute nicht mehr spielbar, auch nicht aus Nostalgie.
Verdict: 💩 Finger weg
The Amazing Spider-Man (Game Boy, 1990) – Bockschwer und trotzdem Kult
Das Spider-Man Spiel, das gefühlt jeder Game-Boy-Besitzer hatte. Entwickelt von Rare (ja, die von Donkey Kong Country). Bockschwer, keine Unverwundbarkeitsphase nach Treffern, und eine Steuerung, die schon damals überfordert hat. Wer den Web-Swing hinbekommen hat, durfte sich Profi nennen. Hamburger als Lebensenergie. Und Venom sieht in den Funksequenzen aus wie ein schwarzer Übermaler eines anderen Sprites.
Gordon: “Ich muss mir mal überlegen, wie prägend zu der Zeit Geräusche anscheinend sind. Weil ich kann mich an alles erinnern.”
Tobi: “Das Spiel hat für mich den ersten Anzeiger gegeben: Jedes Spider-Man-Spiel hat eine viel zu überfrachtete Steuerung. Und das zieht sich wirklich durch die ganze Serie durch.”
Interessant ist, dass Rare nie die vollen Namen der Bösewichte verwendete – möglicherweise wegen Lizenzproblemen. So heißt Green Goblin einfach “Grüner Gleiter Fuzzi” und Rhino wird zum “Horn Idiot”. Zwischen 1 und 10 Euro auf dem Gebrauchtmarkt zu haben. Und damit gleichzeitig der Startschuss für die berüchtigte LJN-Lizenzphase, die uns fast die gesamte Liste über begleiten wird.
Verdict: 😐 Mittelmaß – aber das beste Game-Boy-Spider-Man-Spiel, was leider nicht viel heißt
The Amazing Spider-Man vs. The Kingpin (Mega CD, 1993) – Der erste Lichtblick
Und dann kam endlich ein Spider-Man Spiel, das man tatsächlich empfehlen kann. Zumindest in der Mega-CD-Version. Die Mega-Drive-Fassung von 1991 ist nur okay, die Master-System-Version nochmal was ganz anderes – aber die Mega-CD-Version? Die hat Sega nochmal richtig aufgebohrt: mehr Bosse, eine Oberwelt mit Wahlmöglichkeiten, Zwischensequenzen und einen supergeilen CD-Soundtrack mit 80er-Rock-Tunes.
Tobi: “Die Mega-CD-Version kann ich absolut empfehlen heutzutage noch. Ich konnte das auch heute noch in einem Rutsch durchspielen.”
Das Spiel hat ein permanentes Zeitlimit – und wenn du den Kingpin nicht schnell genug besiegst, wird Mary Jane in einen Säurepool runtergelassen. Ähnlich wie bei Comix Zone von Sega: Multiple Enden, die davon abhängen, wie schnell du bist. Dieses Konzept war für die damalige Zeit ungewöhnlich und gibt dem Spiel heute noch einen gewissen Reiz. Allerdings: Die Steuerung ist auch hier überfrachtet. Du kannst krabbeln, laufen, an Wänden klettern, Web-Swing machen, Webflüssigkeit verschießen, Bomben werfen und Schwungtritte machen – mit drei Tasten auf dem Mega Drive. Wer sich dabei an unseren Batman Spiele Retro-Check erinnert fühlt: Ja, auch bei DC hatte man das Problem, dass Superhelden-Steuerungen in 2D einfach zu viel wollten.
Verdict: 👍 Solide (Mega CD) / 😐 Mittelmaß (Mega Drive)
Spider-Man: The Video Game (Arcade, 1991) – Segas verstecktes Juwel
Gordons persönlicher Favorit unter den frühen Spider-Man Spielen. Ein 4-Spieler-Arcade-Automat auf Segas System-32-Board, den in Deutschland quasi niemand spielen konnte. Schade, denn das Spiel ist richtig gut. Es kombiniert klassisches Side-Scrolling-Prügeln à la Streets of Rage mit einer einzigartigen Besonderheit: Nach bestimmten Bossfights zoomt das Spiel raus, die Sprites werden winzig, und du verfolgst den Endgegner in Jump-and-Run-Passagen mit Fernkampf.
Gordon: “Ich fand das richtig gut. Und es hat richtig viel Spaß gemacht. Könnte ich jedem empfehlen, der sich mal eine halbe Stunde Zeit nimmt, um MAME einzurichten.”
Die Charakterauswahl ist allerdings… speziell: Neben Spider-Man stehen Hawkeye, Black Cat und Namor zur Verfügung. Namor. Der Unterwasser-Typ, der im Spiel “elektrisiertes Wasser” verschießt. Gordon vermutet, dass die Entwickler sich die günstigsten Marvel-Lizenzen geschnappt haben. Wer Beat-em-Ups wie die Turtles-Arcade-Spiele mag, sollte hier unbedingt reinschauen.
Verdict: 👍 Solide
Die LJN-Ära: Maximum Carnage, Separation Anxiety & der ganze Rest
Zwischen 1990 und 1995 lag die Spider-Man-Lizenz hauptsächlich bei LJN – einem Publisher, der nichts selbst entwickelt hat, aber dafür umso mehr Mist veröffentlichte. Amazing Spider-Man 2 auf dem Game Boy? Absolut unverständliches Spieldesign, bei dem du dem Green Goblin seinen Gleiter klauen musst, ohne dass dir irgendwer sagt, wie. Return of the Sinister Six? Hässlich, grauenhafte Steuerung, Daumen runter. Spider-Man and the X-Men in Arcade’s Revenge? Tobis Zusammenfassung in seinen Notizen: “Komplett Scheiße in jeder Version.”
Gordon: “Es kann doch nicht sein, dass dieses kacke Spider-Man-Spiel, was wir alle früher hatten, das Beste aus der Reihe ist. Das will mir halt nicht in den Kopf gehen.”
Maximum Carnage (1994) verdient eine kurze Extraerwähnung: Es basiert auf der gleichnamigen Comic-Storyline und ist das erste Spiel, in dem man Venom spielen konnte. Ein Beat-em-up wie Streets of Rage, mit direkt aus den Comics übernommenen Panels als Zwischensequenzen. Klingt cool? Ist es auch – für ungefähr zehn Minuten. Danach wird es monoton, viel zu schwer und die generischen Hip-Hopper-Gegner haben null mit Spider-Man zu tun. Passend dazu die Entstehungsgeschichte der Symbionten: Die Alien-Rasse verbindet sich mit Wirten, verstärkt ihre Kräfte und Emotionen. Spider-Man wurde den schwarzen Anzug im Glockenturm los – und das abgestoßene Ding landete prompt bei Eddie Brock, der gerade in der Kirche betete und einen Groll auf Peter Parker hegte. So entstand Venom. Carnage wiederum ist ein Symbiont, der direkt mit dem Blut des Serienkillers Cletus Kasady verschmolz – “We are Venom” bei Eddie Brock, aber bei Carnage gibt es nur noch ein einzelnes, mörderisches Wesen.
Das Nachfolgespiel Separation Anxiety ist quasi ein DLC mit neuer Story, aber identischem Gameplay – nur mit leicht besserem Balancing. Für Fans der Symbioten-Storyline interessant, aber heutzutage gibt es einfach bessere Beat-em-Ups.
Spider-Man: Animated Series (1995) auf SNES und Mega Drive basiert auf der genialen 94er-Zeichentrickserie von RTL – aber das Spiel selbst? Chibi-Spider-Man, überfrachtetes Level-Design, alles ist bunt, Spider-Man ist bunt, alle Gegner sind bunt. Gordons Fazit: “Vergiss es, spielts nicht.”
Spider-Man: Web of Fire (32X, 1996) – Das letzte Spiel einer toten Konsole
Und dann ist da Web of Fire. Das letzte Spider-Man Spiel der 16-Bit-Ära – und gleichzeitig das letzte Spiel, das jemals für Segas 32X veröffentlicht wurde. Vermutlich nie richtig fertiggestellt. Hydra hat New York in eine Elektro-Kuppel eingesperrt, und du musst vier Generatoren zerstören, die von generischen “New Enforcers” bewacht werden. Die vorgerenderten 3D-Sprites erinnern an Rise of Robots – und das ist kein Kompliment.
Gordon: “Spider-Man selber ist ja total cool animiert. Er sieht ja wirklich richtig gut aus. Aber die Levelhintergründe, die Gegner und die Endgegner – das zieht dieses Spiel einfach so runter.”
Tobi: “Das Spiel war in Entwicklung und ist vermutlich nie komplett fertiggestellt worden. Es wirkt so, als hätte man es schnell zusammengezimmert, damit man wenigstens die Entwicklungskosten noch reinbekommt.”
Tobi hat es tatsächlich durchgespielt – mit Save States und einem Sprung-Kick-Exploit, den er aus einem AGDQ-Speedrun kannte. Das Spiel ist heute als Sammlerstück extrem selten und teuer. Spielen muss man es trotzdem nicht.
Verdict: 💩 Finger weg
Spider-Man (2000) – Endlich ein echtes Spider-Man Spiel
Und dann kam das Jahr 2000. Neversoft (ja, die von Tony Hawk’s Pro Skater) entwickelte das erste 3D-Spider-Man für PlayStation und N64, mit Ports für Dreamcast, PC und Game Boy Color. Und plötzlich funktionierte alles: Web-Swing fühlt sich gut an, du kannst Wände hochklettern, dich an Decken hängen, durch Lüftungsschächte krabbeln, Gegner mit Webflüssigkeit einspinnen – und das Ganze steuert sich auch noch flüssig.
Tobi: “Von allen Spielen bis zu dem Punkt hat das am meisten das Feeling der Comics eingefangen. Die meisten Level sind spaßig.”
Die Story ist herrlich comic-haft: Dr. Octopus und Carnage schmieden einen Plan, Symbionten zu klonen. Venom entführt Mary Jane wegen einer kaputten Kamera – lange Geschichte. Mysterio verkleidet sich als Spider-Man. Am Ende verschmilzt der Carnage-Symbiont mit Doc Ock zu einem Riesenmonster. Stan Lee höchstpersönlich moderiert einige der Level an. Und ganz zum Schluss spielen Spider-Man, Punisher und Daredevil Karten auf Nick Furys Helicarrier. Verrückter geht’s nicht.
Die N64-Version spielt sich laut Tobi am besten – keine Texturverzerrungen wie auf der PlayStation, und die Steuerung sitzt. Die Dreamcast-Version soll die hübscheste sein, kostet aber als Sammlerstück ordentlich. Soundtrack übrigens von Tommy Tallarico, einer Industrie-Legende.
Auch die Game Boy Color Version ist erwähnenswert: Zum ersten Mal sieht Spider-Man auf einem Handheld normal aus, die Steuerung ist flüssig, und man weiß tatsächlich, was man tun soll. Kein Meisterwerk, aber endlich ein spielbarer Handheld-Spider-Man.
Verdict: 🏆 Klassiker (3D-Versionen) / 😐 Mittelmaß (GBC)
Wusstet ihr schon? 🕷️
🎮 Spider-Man hält den Rekord als Superheld mit den meisten Videospiel-Umsetzungen aller Zeiten – über 40 eigenständige Titel, wenn man verschiedene Versionen mitzählt.
🕹️ Das allererste Spider-Man-Spiel wurde von Laura Nikolich programmiert – einer der wenigen Frauen in der frühen Spieleentwicklung der 80er.
🎵 Der Game-Boy-Spider-Man von 1990 wurde von Rare entwickelt – dem Studio, das später mit Donkey Kong Country, GoldenEye 007 und Banjo-Kazooie Videospielgeschichte schrieb.
🏆 Spider-Man: Web of Fire für den 32X ist eines der teuersten und seltensten Retro-Spiele überhaupt – als Sammler zahlt man mehrere hundert Dollar für eine lose Cartridge.
🎬 Im 2000er Spider-Man für N64/PS1 tritt Stan Lee persönlich als Erzähler auf und kommentiert die Level – eines der frühesten Beispiele für prominente Voice-Cameos in Superhelden-Spielen.
Viel Spaß beim Hören!
Tobi & Gordon
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