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Videospielverfilmungen Teil 4: Warum scheitern Gaming-Filme? Das Experten-Interview mit Indiefilmtalk

Schnallt euch an, Nerds – diesmal wird’s intellektuell. Nachdem sich Gordon und Tobi in den ersten drei Teilen unserer Videospielverfilmungen-Reihe durch Dekaden voller Filmkatastrophen und vereinzelter Lichtblicke gewühlt haben, holen sich die beiden Spieleentwickler für Teil 4 Verstärkung: Yugen, Filmemacher, Regisseur und Macher des Indiefilmtalk Podcasts, setzt sich ans Mikrofon und bringt – Achtung, Premiere beim Videogamecast – tatsächlich Fachwissen mit.

Und das braucht es auch. Denn statt Film für Film abzuarbeiten, stellen sich die drei diesmal die wirklich wichtigen Fragen rund um Videospielverfilmungen: Warum ist das Genre seit Jahrzehnten ein Minenfeld? Was macht Storytelling in Spielen so grundsätzlich anders als in Filmen? Und warum kriegt Hollywood es einfach nicht hin, aus einem 50-Stunden-Epos einen vernünftigen Zweistünder zu machen?

Gordon fasst das Dilemma in seiner unnachahmlichen Art zusammen:

“Ich will mehr Aktion und weniger Interaktion bei den Spielen. Ich will die Geschichte jetzt endlich mal verstehen. Hört auf, mir noch neue Gegner vor die Flinte zu bringen. Ich hab keinen Bock mehr auf Rumgeschieße.”

Ja, ihr habt richtig gelesen. Der Mann, der in Teil 2 noch jeden Doom-Abklatsch verteidigt hat, hat das Geballer satt. Zumindest wenn es die Story ausbremst. Willkommen im Alter, Gordon.

Pong, Züge und die Frage nach dem Storytelling in Videospielverfilmungen

Die Folge startet mit einer überraschend tiefgründigen Parallele. Tobi vergleicht den allerersten Film – ihr wisst schon, der mit dem Zug, der auf die Kamera zufährt – mit Pong. In beiden Fällen ging es erst mal nur um die Technik. Oh mein Gott, da bewegt sich was! Die Story kam später. Und diese Parallele zieht sich durch das ganze Gespräch.

Yugen bringt einen wichtigen Punkt ein, den wir als Spieler viel zu selten bedenken: Film hat über 100 Jahre Vorsprung beim Geschichtenerzählen. Videospiele dagegen sind noch in der Pubertät. Und Pubertät ist bekanntlich die Phase, in der man glaubt, alles besser zu wissen – und dann trotzdem mit der Nase gegen die Wand rennt.

“Bei Spielen ist es ja oft so, dass die Storyteller eher meckern. Weil die einfach viel zu wenig Zeit haben.” – Yugen

Ein Punkt, der auch erklärt, warum so viele Videospielverfilmungen scheitern: Wenn schon im Spiel selbst die Story oft das fünfte Rad am Wagen ist – wie soll dann ein Film daraus funktionieren, der NUR aus Story besteht?

Das Cash-Grab-Problem: Warum Hollywood Videospielverfilmungen verkackt

Hier wird die Diskussion richtig saftig. Yugen redet Klartext über das, was die Filmindustrie mit Gaming-IPs macht: Cash-Grabbing. Die Logik der Studios ist denkbar simpel – 50 Millionen Leute spielen das Spiel, also gehen die auch ins Kino, egal wie scheiße der Film ist. Und genau diese Denkweise produziert seit Jahrzehnten den immer gleichen Müll.

Tobi bringt den entscheidenden Punkt auf den Tisch: Videospielverfilmungen bieten fast nie einen Mehrwert. Sie nehmen die Story, die im Spiel schon erzählt wurde, und verwursten sie nochmal neu. Statt das Universum zu erweitern, wird einfach nur ausgeschlachtet.

“Und die haben es ja geschafft, tatsächlich nie irgendwas wirklich mit den Spielen zu tun zu haben am Ende. Er hat einfach einen generischen Zombie-Film gemacht und hat das House of the Dead genannt.” – Gordon über Uwe Boll

Was hingegen funktioniert? Yugen und Gordon sind sich einig: Side-Stories in bestehenden Universen. Nicht die Hauptstory nochmal aufwärmen, sondern etwas Neues in der gleichen Welt erzählen. So wie Rogue One es bei Star Wars gemacht hat. Oder wie Halo es mit seinen Kurzfilmen und Halo Legends vormacht – auch wenn, wie Gordon einräumt, “50% davon Ausschussware” ist.

Die Sonic-Debatte: Wenn das Internet zurückschießt

Natürlich kommt die Runde nicht am Elefanten im Raum vorbei: dem Sonic-Trailer-Desaster. Zum Aufnahmezeitpunkt war das der heißeste Scheiß im Internet, und Gordon legt los wie ein Maschinengewehr.

Das Problem in seiner Essenz: Sonic ist seit Jahren eine Marke ohne klare Richtung. Du hast Sonic Mania für die Retro-Fans, Sonic Forces für niemanden, Sonic Team Racing als Mario-Kart-Alternative, die Sonic Boom Zeichentrickserie und jetzt auch noch einen CGI-Live-Action-Film, in dem Sonic aussieht wie “ein 14-jähriger Teenager in einem billigen Fellkostüm” – Gordons Worte aus Teil 1.

“Sie haben den dünnsten, schlagsigsten Schauspieler genommen, um eine Kugel darzustellen. Also Jim Carrey als Dr. Robotnik. Der kann eine Menge rausreißen, aber dann hätten sie wirklich ein Fettsuit draufpacken müssen.” – Gordon

Yugen bringt die nüchterne Analyse: Das Zurückrudern beim Design war keine kreative, sondern eine reine Business-Entscheidung. Wenn selbst die Nische rebelliert, bleibt kein Publikum mehr übrig. Und ob ein Regisseur, der den Charakter so eklatant verändert, wirklich jemals ein Sonic-Spiel angefasst hat? “Kann ich mir nicht vorstellen”, sagt Yugen diplomatisch.

Filme, die sich an Spielen orientieren – und es besser machen

Im zweiten Teil der Folge wird’s konstruktiv. Die drei gehen eine Liste von Filmen durch, die zwar keine direkten Videospielverfilmungen sind, aber so sehr nach Spiel riechen, dass sich jeder Gamer sofort zuhause fühlt.

Lola Rennt – Gordons “Nostalgie-Faktor” schlägt zu: Der Film funktioniert wie ein Save-State. Lola stirbt, lädt neu, weiß, was schiefgelaufen ist, macht es anders. Jeder Spieler kennt das Gefühl. Auch wenn Gordon einräumt, dass Tom Tykwer wahrscheinlich kein Zockerherz hat.

Crank – Permanente Action ohne dramaturgische Kurve. Wie ein Spiel, das keinen Pause-Knopf hat. Jason Statham als “Arnold Schwarzenegger unserer Zeit” muss sich am Leben halten, indem er ständig Adrenalin nachschiebt. Die Spieleentwickler im Raum nicken wissend.

Hardcore Henry – Der komplette Film aus der Ego-Perspektive. Wie Doom, nur besser. “Den würde ich mir tausendmal lieber angucken als den Doom-Film”, sagt Gordon. Tobi findet vor allem die Dachkampf-Szene am Ende “hammergeil”.

Edge of Tomorrow – Tom Cruise als Spieler, der nach jedem Tod am letzten Checkpoint respawnt. Tobi zieht eine brillante Parallele: “Wenn du den Film gesehen hast, ist der Filmjahr fast schon wieder zu Ende, sobald er durchs Tutorial durch ist.” Und ja, der Film heißt offiziell gar nicht Edge of Tomorrow, sondern “Live, Die, Repeat” – weil die Produzenten selbst nicht mit dem Erfolg gerechnet haben.

Chronicles of Riddick / Butcher Bay – Tobis heimlicher Liebling. Vin Diesel hatte seine eigene Spieleproduktionsfirma und hat parallel zum Film eines der besten Spiele seiner Zeit produziert. “Talking about me? Never wise.” Das ist Cross-Media, wie es sein sollte.

Sucker Punch: Gordons Hassfilm

Dann bricht es aus Gordon heraus. Sucker Punch von Zack Snyder – ein Film, den er als “übertrieben langes Musikvideo” beschreibt. Hübsche Mädels in videospielähnlichen Traumsequenzen, die gegen Samurai-Roboter und Nazi-Zombies kämpfen. Klingt auf dem Papier wie der feuchte Traum jedes Gamers.

In der Realität? “Filmtechnisch, naja, Musikvideo”, grunzt Gordon. “Style over Substance”, ergänzt Yugen diplomatischer. Und Tobi fasst den ganzen Film in einem Satz zusammen: “Eine völlig wahllos aneinandergereihte Serie von komischen Videogame-Fantasien.” Danke, Tobi. Mehr braucht es nicht.

Was würde ein Filmemacher aus einem Spiel machen?

Tobis Abschlussfrage an Yugen ist Gold wert: Was würdest du als Filmemacher aus einem Videospiel machen? Die Antwort zeigt, warum es gut ist, manchmal jemanden vom Fach zu fragen statt einen Hollywood-Sesselpupser.

“Ich würde in dieser Welt eine eigene Geschichte kreieren. Die Welt nehmen, wie sie gezeichnet ist, und schauen, was passiert denn da noch? Auf einer ganz anderen Seite. Ähnlich wie Rogue One das bei Star Wars gemacht hat.” – Yugen

Franchises, die ihn reizen würden? Metro – eine Welt, die in den Spielen nur angeschnitten wird und in der sich hundert kleine Geschichten verstecken. Oder Cyberpunk – eine Blade-Runner-artige Welt, in der man abseits der Hauptstory alles Mögliche erzählen könnte. Die Essenz der Spielwelt mitnehmen, nicht die Story kopieren. Klingt so einfach. Ist es natürlich nicht.

Bonus: Die Uwe-Boll-Mission

Und als ob das nicht genug wäre, schmiedet die Runde am Ende auch noch Pläne: Sie wollen Uwe Boll interviewen. Yugen verspricht, seine Kontakte spielen zu lassen. Gordon stellt sich schon mal vor, wie Teil 5 der Reihe aussehen könnte: “Videogamecast Spieleverfilmung Teil 5 mit Uwe Boll. Ey, das wär richtig geil.” (Spoiler: Es hat tatsächlich geklappt.)


🤓 Wusstet ihr schon?

🎬 Der erste Film der Geschichte – die Ankunft eines Zuges am Bahnhof La Ciotat der Brüder Lumière von 1896 – verursachte angeblich Panik im Publikum. Die Zuschauer dachten, der Zug würde wirklich auf sie zurollen – ähnlich wie Spieler beim ersten Mal Pong fasziniert waren, dass sich etwas auf dem Bildschirm bewegen lässt.

🎮 Die FPS-Sequenz im Doom-Film von 2005 dauerte etwa 5 Minuten und brauchte 14 Drehtage – fast ein Drittel der gesamten Drehzeit des Films wurde für diese eine Szene verwendet.

🎭 Rhianna Pratchett, Tochter des Fantasy-Autors Terry Pratchett, schrieb die Story für Mirror’s Edge und Tomb Raider (2013) – und beschwerte sich öffentlich darüber, dass Spiele-Autoren oft erst spät in die Entwicklung einbezogen werden, nachdem das Gameplay bereits feststeht.

🎥 Der Film “Edge of Tomorrow” wurde nach dem Kinostart umbenannt in “Live Die Repeat: Edge of Tomorrow”, weil die Produzenten selbst nicht mit dem Erfolg rechneten und den Titel griffiger machen wollten.

🎮 Vin Diesel gründete seine eigene Spieleproduktionsfirma Tigon Studios, um das Riddick-Spiel “Escape from Butcher Bay” parallel zum Film “The Chronicles of Riddick” zu produzieren – eines der seltenen Beispiele für gelungenes Cross-Media.


Viel Spaß beim Hören!

Tobi & Gordon

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