Shadow of the Tomb Raider – Das Finale der Reboot-Trilogie im ehrlichen Test
Schnallt euch an, denn jetzt wird’s ernst: Nach Tomb Raider Games Teil 1 und Teil 2 unserer Tomb Raider Retrospektive knöpfen sich die Spieleentwickler Gordon und Tobi endlich den letzten Teil der Reboot-Trilogie vor: Shadow of the Tomb Raider. Gordon hat sich tatsächlich durchgekämpft – und “durchgekämpft” ist hier wörtlich gemeint. Nach Rise of the Tomb Raider brauchte es eine gewisse Überwindung, den Controller nochmal in die Hand zu nehmen. Das Ergebnis? Ein Spiel, das technisch brilliert, aber storytechnisch so aufregend ist wie Laras dritter Besuch in derselben Hub-Welt.
Shadow of the Tomb Raider erschien 2018 und sollte Laras Origin-Story abschließen. Entwickelt von Eidos-Montréal zusammen mit Crystal Dynamics, war es der Versuch, drei Spiele und hunderte erledigte Söldner in einen emotionalen Bogen zu pressen. Ob das gelungen ist? Darüber sind sich selbst Gordon und Tobi nicht ganz einig – aber sie haben definitiv eine Meinung dazu. Und wer unsere Uncharted-Besprechung kennt, weiß: Die Vergleiche zwischen Lara und Nathan Drake lassen nicht lange auf sich warten.
Die Story von Shadow of the Tomb Raider: Dolch, Box, Apokalypse – fertig
Gordons Zusammenfassung der Story ist so schön respektlos, dass wir sie euch nicht vorenthalten wollen: Zwei Monate nach Rise of the Tomb Raider suchen Lara und Jonah weiter nach Trinity. Lara stolpert über einen Dolch, holt ihn raus – und löst damit die Apokalypse aus. Flutwelle, Dorf kaputt, Jonah sauer.
Gordon: “Dann kommt Trinity-Mann und sagt: Boah, geil, Dolch. Ich nehme Dolch. Hast du auch Box zu Dolch? Was, kein Box? Das ist schlecht. Weltuntergang.”
Was folgt, ist eine Reise nach Paititi – einer geheimen Stadt, die natürlich noch keiner entdeckt hat (außer Trinity, die den Bösewicht als Kind dort entführt haben, aber okay). Der Mittelteil des Spiels besteht laut Gordon aus endlosem Hin und Her: Kult infiltrieren, Sohn der Anführerin befreien, dann wird die Anführerin gekidnappt, dann wieder befreit. Shadow of the Tomb Raider zieht seine Story wie Kaugummi.
Tobi: “Selbst in der Zusammenfassung hörst du: Unnötig lang und unnötig viele Wendungen drin. Man hätte es streamlinen können.”
Der eigentlich interessante Punkt: Der Bösewicht Dominguez ist derjenige, der Laras Vater ermordet hat. Das gibt dem Ganzen wenigstens einen persönlichen Antrieb. Und am Ende kämpft Lara sogar Seite an Seite mit den monströsen Yaaxil gegen den gottgleich gewordenen Antagonisten – ein kleiner Twist im Vergleich zu den Vorgängern, wo man immer gegen die Monster kämpfte.
Character Development: Vom Tomb Raider zum Tomb Protector?
Ein großes Thema im Podcast ist Laras Charakterentwicklung – oder besser gesagt: der Versuch einer solchen. Shadow of the Tomb Raider will den Bogen von der unsicheren Teenagerin zur eiskalten Abenteurerin der Originalspiele spannen. Klingt gut auf dem Papier. In der Praxis?
Gordon: “Nachdem du hunderte Söldner weggeknallt hast, machen sie so einen Moment, wo sie total ausrastet und alles um sich herum wegballert. Weil sie denkt, Jonah wurde ermordet. Dann kommt Jonah um die Ecke und sie fängt an zu heulen. Und dann – was hat sich jetzt geändert?”
Tobi sieht darin immerhin den Versuch, die “Schattenseite” von Laras Dasein zu zeigen – daher auch der Titel. Ihre Habgier löst die Apokalypse aus, hunderte Menschen sterben, und Jonah reibt ihr das auch schön unter die Nase. Am Ende lehnt sie gottgleiche Kräfte ab, die Post-Credit-Scene zeigt sie in Croft Manor mit dem Butler – Ankunft bei der klassischen Lara.
Tobi: “Die Post-Credit-Scene soll darstellen, dass ihre Rolle nicht das Tomb Raiden ist, sondern das Tomb Protecten. Also die geheimen Völker und Apokalypsegegenstände beschützen.”
Ob das alles Sinn ergibt? Gordon ist skeptisch. Aber eines haben die Entwickler geschafft: Die alte Sexsymbol-Thematik ist komplett raus. Lara trägt logische Kleidung, niemand zwinkert ihr zu, es geht um Rache und Überleben. Und das finden beide absolut positiv – ein Punkt, den wir auch schon bei unserer Guerilla Games Episode mit Horizon Zero Dawn angesprochen haben.
Gameplay: Challenge Tombs retten den Tag

Kommen wir zum Positiven – und da gibt es durchaus einiges zu sagen. Das Gameplay von Shadow of the Tomb Raider macht nach wie vor Spaß. Es ist solide, es funktioniert, es ist technisch sauber. Aber es ist eben auch zum dritten Mal dasselbe Konzept.
Tobi: “Du spielst Lara Croft, du willst irgendwo hin, es passiert was Schlimmes. Du landest in der Hub-Welt, machst die Mission, landest wieder in der Hub-Welt, kannst deine Waffen upgraden. Und das Tomb Raiden ist absolut zum Nebenschauplatz verkommen.”
Die absolute Hauptattraktion sind die Challenge Tombs – und die sind in Shadow of the Tomb Raider wirklich kreativ gestaltet. Eine besonders gelungene: Du sitzt auf einem Floß, kreist um einen Pfahl in der Mitte, und jede Runde wird schwieriger mit neuen Fallen. Zwischendurch musst du Schalter abschießen, springen, rollen – fast wie ein Mario-Level in Tomb-Raider-Verkleidung. Auch der DLC lohnt sich hauptsächlich wegen zusätzlicher Tombs, auch wenn die teilweise etwas plump in die Spielwelt integriert sind.
Neu bei Shadow of the Tomb Raider sind erweiterte Stealth-Mechaniken. Lara kann sich jetzt mit Matsch beschmieren wie Arnold in Predator und mit der Umgebung verschmelzen. Von Ästen aus kann sie Gegner mit einem Seilpfeil hochziehen und aufknüpfen – und das ist verdammt brutal.
Gordon: “Du schießt einen Seilpfeil in die Schulter von so einem Typen, ziehst den am Seil hoch, wickelst ihm das Seil um den Hals und knüpfst den quasi damit auf. Es ist wirklich hart. Allein schon dafür, wie brutal sie die Leute umbringt – es macht sie fast unsympathisch.”
Allerdings: Wer die Definitive Edition mit dem ganzen DLC kauft, wird dermaßen mit Zusatzwaffen und Boni zugeschüttet, dass das Stealth-System praktisch irrelevant wird. Zwei Kopfschüsse und fertig. Die ganzen Giftpfeile und Betäubungsmunition? Hat Gordon nie benutzt.
Schwierigkeitsgrad: Tobis Frustmoment
Besonders spannend: Shadow of the Tomb Raider bietet einen granularen Schwierigkeitsgrad. Kämpfe, Puzzle und Umgebungshinweise lassen sich separat einstellen. Tobi hat natürlich direkt alles auf Maximum gestellt – und ist in der Flutwellen-Sequenz am Anfang fast verzweifelt.
Tobi: “Ich habe das 20, 30 Mal gemacht. Immer wieder abgesprungen und sie knallt dagegen, fällt runter, ins Wasser, tot. Und dann hab ich die Hinweise angemacht und gesehen: Du musst danach noch hoch drücken und nochmal A drücken. Das war absolut nicht erkennbar.”
Sein Rat an alle: Nicht direkt mit der höchsten Schwierigkeitsstufe anfangen – außer ihr seid absolute Überprofis. Die Weghinweise sind übrigens gar nicht so plump gestaltet: angemalte Wände und Farbmarkierungen, die ins Setting passen.
Grafik: Wunderschön, aber hungrig
Was Gordon am meisten fasziniert hat an Shadow of the Tomb Raider? Die Grafik. Malerische Dschungel-Landschaften, Wasserfälle, kleine Bäche – er hat sogar seiner Mitbewohnerin regelmäßig den Bildschirm gezeigt. Zum Erscheinungszeitpunkt 2018 war das Spiel ein absoluter Grafikbrecher und einer der ersten Titel mit RTX-Support für Nvidias neue Raytracing-Technologie.
Tobi: “Shadow of the Tomb Raider, Metro Exodus und Battlefield V – das waren die drei RTX-Launch-Titel. Nvidia hat da mit Sicherheit extrem viel Geld reingedrückt, damit die Entwickler die Technologie implementieren.”
Die Kehrseite: Das Spiel ist extrem hardwarehungrig. Gordon konnte mit seiner GTX 1070 in den Städten nicht mal auf 60 FPS kommen – selbst auf Minimum-Einstellungen. Wahrscheinlich ein CPU-Bottleneck, aber trotzdem beeindruckend, wie ressourcenfressend Shadow of the Tomb Raider ist. Ohne Raytracing sieht es aber auch noch verdammt gut aus.
Vergessen, bevor es richtig da war
Was Gordon besonders auffiel: Wie schnell Shadow of the Tomb Raider aus dem kollektiven Bewusstsein verschwand. Kurz nach Release redete niemand mehr darüber, das Spiel wurde schnell günstig und landete fast sofort im Xbox Game Pass – als Vollpreisspiel von Square Enix wohlgemerkt, nicht als hauseigener Microsoft-Titel.
Dabei sind die Wertungen gar nicht schlecht: IGN gab eine 9/10, der Metacritic-Score liegt bei 76. Aber wie Yahtzee Croshaw vom Escapist es formulierte: Shadow of the Tomb Raider war das “zweitblandeste Spiel von 2018”. Mit 4,12 Millionen verkauften Einheiten bis Ende 2018 lag es auch deutlich unter dem Vorgänger Rise of the Tomb Raider, der auf 7 Millionen kam (brauchte dafür allerdings zwei Jahre).
Gordon: “Es ist technisch absolut sauber, aber es ist auf hohem Niveau langweilig teilweise. Es wirkt alles sehr ausproduziert, aber irgendwie hat der Funke gefehlt. Da hatte keiner eine wirklich geile Vision, wohin die mit der Trilogie am Ende wollen.”
Was kommt als Nächstes für Tomb Raider?
Mit der abgeschlossenen Trilogie stellt sich die Frage: Wohin geht die Reise? Gordon und Tobi haben da sehr unterschiedliche – und teilweise ziemlich wilde – Ideen.
Gordons Wunsch Nr. 1: Ein neuer Teil der Top-Down-Reihe à la Lara Croft and the Guardian of Light und Temple of Osiris – aber diesmal mit echtem Budget und ohne die Bugs, die Temple of Osiris plagten.
Gordons Wunsch Nr. 2: Ein offeneres Konzept wie bei Uncharted: The Lost Legacy – mit einer größeren Karte, die man mit einem Fahrzeug erkunden kann, wo man Spuren folgen und Grabmäler selbst aufspüren muss. Vielleicht sogar mit den Sprach-Dechiffrierungen als echtes Gameplay-Element statt als simpler Skill-Gate.
Tobis radikale Idee: Die ganze Story- und Open-World-Scheiße weglassen. Einfach eine Weltkarte à la Carmen Sandiego, zwölf riesige, komplexe Tombs weltweit verteilt, Speedrun-Challenges mit Online-Highscore. Back to the roots – nur die Tombs, dafür richtig fett.
Und dann wäre da noch Gordons wildeste Fantasie: Ein Tomb Raider x Turok Crossover. Lara und Turok gegen Cyberdinosaurier. Klingt verrückt? Ja. Aber auch irgendwie genial. Wer sich für Turok interessiert, dem sei unsere Turok-Folge empfohlen.
Das Fazit der Tomb Raider Reboot-Trilogie
Shadow of the Tomb Raider ist ein solides Spiel. Technisch einwandfrei, grafisch beeindruckend, mit kreativen Challenge Tombs und solidem Gameplay. Aber es ist eben auch das dritte Mal dasselbe Rezept – und die Story konnte weder Gordon noch Tobi wirklich packen.
Die gesamte Tomb Raider Reboot-Trilogie? Lohnt sich auf jeden Fall, wobei Gordon empfiehlt, im dritten Teil ruhig mal Zwischensequenzen zu überspringen. Crystal Dynamics hat über die Jahre solide Arbeit geleistet, und der Abschied von der Sexsymbol-Ära hin zu einem ernsthaften Charakter ist absolut gelungen. Was die Zukunft bringt – ob Remake des Originals, komplett neuer Ansatz oder tatsächlich Turok-Crossover – bleibt abzuwarten.
Tomb Raider ist und bleibt eine tolle Serie. Und wie Gordon es zusammenfasst:
Gordon: “Alles, was Crystal Dynamics jemals angefasst hat, ist auf jeden Fall empfehlenswert.”
Verdict: 👍 Solide – Shadow of the Tomb Raider macht vieles richtig, aber nichts überraschend Neues. Auf hohem Niveau gleichförmig.
Shadow of the Tomb Raider (PC/PS4/Xbox One, 2018)
🟢 PC-Spielbarkeit: Läuft problemlos, granulare Grafikeinstellungen, RTX-Support. Hardwarehungrig in großen Arealen. | PCGW
| Shop | Link |
|---|---|
| Steam | Shadow of the Tomb Raider: Definitive Edition |
| GOG | Shadow of the Tomb Raider: Definitive Edition |
Buchtipp: “20 Years of Tomb Raider” von Meagan Marie
Tobi empfiehlt außerdem wärmstens das Buch “20 Years of Tomb Raider: Digging Up the Past, Defining the Future” von Meagan Marie, Community Director bei Crystal Dynamics. Ein unfassbar detailliertes Werk über die gesamte Franchise-Geschichte mit Interviews, Sammler-Fotos und Behind-the-Scenes-Material. Einziger Haken: Das Buch ist nur noch gebraucht erhältlich – und kostet mittlerweile über 100 Euro. Tobi hatte Glück und hat sein Exemplar für 20-30 Euro im Berliner Comicladen Modern Graphics ergattert.
🤓 Wusstet ihr schon?
- 🎮 Shadow of the Tomb Raider war eines der ersten drei Spiele überhaupt mit Nvidia RTX Raytracing-Support – zusammen mit Metro Exodus und Battlefield V. Nvidia hat vermutlich erhebliche Summen an die Entwickler gezahlt, um die damals brandneue Technologie zu bewerben.
- 📉 Ben “Yahtzee” Croshaw vom Escapist kürte Shadow of the Tomb Raider in seiner Zero Punctuation zum “zweitblandesten Spiel des Jahres 2018”.
- 📖 Das Buch “20 Years of Tomb Raider” von Meagan Marie erschien 2016 für ca. 30 Euro – heute werden gebrauchte Exemplare für über 100 Euro gehandelt, aus den USA sogar für über 500 Euro inklusive Versand.
- 🎬 Zur Zeit der Podcast-Aufnahme wurde ein zweiter Tomb Raider Film mit Alicia Vikander angekündigt – der allerdings nie realisiert wurde.
- 💰 Die gesamte Tomb Raider Franchise hat über 100 Millionen Einheiten verkauft (Stand Oktober 2024) und ist damit eine der erfolgreichsten Spieleserien aller Zeiten.
Viel Spaß beim Hören!
Tobi & Gordon
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