Die James Bond Reihe – Warum 007 mehr ist als ein Typ im Smoking
Dreht das Intro auf, schenkt euch einen Martini ein – geschüttelt, nicht gerührt, versteht sich – und schnallt euch an. Zwei ausgebildete Spieleentwickler und zwei Experten mit Geheimdiensterfahrung (naja, fast) nehmen euch mit in die Welt von James Bond. Im Videogamecast starten Gordon und Tobi zusammen mit den Gästen Andreas Garbe (ZDF-Redakteur und Gamer der ersten Stunde) und Dr. Stefan Blank (Game Designer und Autor) eine neue Podcast-Reihe über das wohl langlebigste Franchise der Filmgeschichte. Und wir verraten euch gleich vorweg: Es gibt über 80 James Bond Spiele. Gordon dachte, es wären vielleicht zehn.
In diesem ersten Teil geht es noch nicht um die Spiele – die kommen in den folgenden Teilen. Stattdessen tauchen vier Nerds tief ein in das Phänomen James Bond: Warum funktioniert diese Filmreihe seit über einem halben Jahrhundert? Warum kann jeder mitreden? Und warum hat Stefan sich beim Zoll fast als Waffenschmuggler geoutet?
Vier Nerds, eine Mission – Wie James Bond uns alle geprägt hat
Die Runde könnte unterschiedlicher nicht sein. Andreas, Jahrgang 73, hat insgesamt sechs Jahre in England gelebt und gibt offen zu: James Bond hat daran einen Anteil. Während alle anderen Austauschschüler in die USA wollten, hat er sich für Großbritannien entschieden. “Das war glasklar. Und da hat sicherlich James Bond einen kleinen Teil an dieser Entscheidung gehabt.”
Stefan, Jahrgang 63, erinnert sich noch an die FSK-18-Zeiten der Bond-Filme. Sein erster Bond im Kino war ausgerechnet Im Geheimdienst Ihrer Majestät – nicht aus Leidenschaft für George Lazenby, sondern weil er einfach mal sehen wollte, was dieses Bond-Phänomen eigentlich ist. “Und dann hat er mir extrem gut gefallen. Und das war’s dann eigentlich auch.”
“Ich saß im Kino bei Golden Eye und dachte: Alter Vatter, wie kann man so genial eine Serie fortschreiben? Also das war… ich war einfach nur geplättet.” – Andreas
Gordon und Tobi kamen beide über Golden Eye so richtig zum Bond-Fantum – ein Film, der für eine ganze Generation den Einstieg markierte. Tobi gibt ehrlich zu, dass er danach eigentlich nicht viel weiter zurückgegangen ist in der Filmografie. “Ich bin nicht über George Lazenby hinausgekommen. Aber das ist auch mehr ein Zeitding.” Gordon hingegen hat die Filme als Kind unterschiedslos geliebt: “Ob Sean Connery oder Roger Moore – das war mir als Kind vollkommen egal. Die waren alle toll.”
Was James Bond erfunden hat – Und warum Hollywood das Kino nie wieder losließ
Stefan bringt einen Punkt, den die meisten Zuschauer gar nicht auf dem Schirm haben: James Bond hat die Prätitel-Sequenz erfunden. Diese Actionszene vor dem eigentlichen Titelvorspann – das gab es vorher in keinem Film. Im Filmgeschäft herrschten damals strikte Regeln, in welcher Reihenfolge die Mitwirkenden im Vorspann genannt werden mussten. Bond hat diese Konvention gebrochen.
“Das ist etwas, was in der Filmwelt damals in den 60er Jahren komplett neu war”, erklärt Stefan. Und er zieht die Parallele zu George Lucas, der mit Star Wars den scrollenden Vorspann einführte – und dafür aus der Directors Guild geflogen ist und 400.000 Dollar Strafe zahlen musste.
Auch die Title Sequence selbst – diese zelebrierte, fast losgelöste Minifilm-Sequenz nach dem Prolog – ist eine Bond-Erfindung. Gordon findet genau das so faszinierend: “Man freut sich jedes Mal aufs Neue. Wer singt diesmal? Wie sieht das Video aus? Hat das was mit dem Film zu tun?” Als Kind hat er immer versucht, die Verbindung zwischen Musikvideo und Filminhalt herzustellen. “Bei Golden Eye laufen die goldenen Mädels rum, Tina Turner singt – schon richtig geil.”
Von Aha bis Billie Eilish – Warum die Titelsongs mehr sind als Musik
Ein eigenes Kapitel verdient die Musik. James Bond holt sich seit jeher die größten Recording Artists der jeweiligen Ära für die Titelsongs. In den 60ern Shirley Bassey (dreimal!), in den 80ern Aha, in den 2010ern Adele mit dem Skyfall-Knaller, und zuletzt Billie Eilish.
“Allein der Titelsong von Adele hat 400 Millionen quasi ins Einspielergebnis geholt. Da laufen dir mit Bodyhärchen die Arme runter.” – Gordon
Und genau hier flammt auch die unvermeidliche Internet-Debatte auf. Gordon wird da laut: “Die Leute regen sich auf, wie könnt ihr Billie Eilish so einen Song singen lassen, wie sieht die denn aus – vollkommen daneben solche Kommentare. Die hat eine Topstimme, ist doch vollkommen egal wie die aussieht. Fokussiert euch auf die Musik!”
Stefan wirft ein, dass Shirley Bassey mit Goldfinger eine Landmarke gesetzt hat, die bis heute wirkt: “Wenn man nur sagt Goldfinger, hat man die Musik im Kopf.” Und Andreas ergänzt den wichtigen Punkt: James Bond war schon immer eine Krake, die in alle Bereiche der Popkultur eingedrungen ist – über Gadgets zu Spielzeug, über Musik ins Radio, über Mode in die Kaufhäuser.
James Bond – Der Mann, der alles kann (und das ist auch das Problem)
Andreas bringt einen schönen Vergleich: “James Bond ist so ein bisschen wie Alexander von Humboldt – ein Generalist, der sich in jedem Bereich exzellent auskennt.” Der Mann hat in Cambridge Sprachwissenschaft studiert, kann Fechten, Skifahren, Helikopter fliegen, Rennwagen steuern, weiß welcher Jahrgang Dom Pérignon der beste war und kennt jede Kaviar-Sorte.
Gordon fasst es pragmatischer zusammen: “Der Typ ist wie Batman im Grunde. Und der muss sich nicht mal verkleiden.”
Und wenn Daniel Craig als Bond ins Hotel geht, dann mit seinem echten Namen. “Wer will ihm denn was anhaben? Der geht rein, und wenn einer kommt, dann kriegt er eins aufs Fressbrett.”
Golden Eye, BMW und warum das Auto nichts konnte
Eine der besten Anekdoten der Folge dreht sich um den BMW Z3 in Golden Eye. Stefan erklärt: BMW hatte einen Vertrag für die nächsten zehn Jahre Bond-Filme unterschrieben. Aber für Golden Eye galt: “Das Auto macht gar nichts. Ihr dürft es zeigen, ihr dürft es benutzen, und das ist es.” Keine Raketen, kein Düsenantrieb, keine Gimmicks.
Und es kommt noch besser: Das Fahrzeug existierte zum Drehzeitpunkt noch gar nicht. “BMW hat dann so einen Prototypen zusammengehauen, den mit einem Charterflieger rübergeflogen, kurz abgeladen, Szene gedreht, und danach kam er wieder zurück.”
Gordon hatte übrigens einen Großvater, der sich genau diesen Z3 in genau dieser Farbe und Ausstattung gekauft hat. “Ich habe immer gedacht, mein Opa hat was mit James Bond zu tun.”
Star Wars, Moonraker und warum Bond ins Weltall musste
Ein faszinierendes Detail aus der Produktionsgeschichte: Nach Der Spion, der mich liebte (1977) stand im Abspann “James Bond will return in For Your Eyes Only“. Aber dann kam Star Wars – und alles änderte sich.
Gordon erklärt: “Star Wars war so ein Meilenstein der Kinogeschichte, dass alle Filme danach gesagt haben: Wir müssen uns eine Scheibe davon abschneiden. Und James Bond spielt deswegen im Weltraum, weil die sich diesen Hype abschneiden wollten.” Moonraker wurde zwischengeschoben, For Your Eyes Only kam erst danach.
Passend dazu hat der Podcast auch schon in der id Software Retrospektive besprochen, wie ein einzelnes Produkt eine ganze Industrie umkrempeln kann.
Ian Fleming, ein Vogelkundler und der Name James Bond
Stefan kennt natürlich auch die Entstehungsgeschichte der Figur. Ian Fleming war im Zweiten Weltkrieg aktiv in der britischen Armee und sah sich selbst als Abenteurer. “James Bond ist sein Abbild – so wie er sich vorstellt, dass er gerne wäre. Gleiche Größe, gleiche Vorlieben.”
Und der Name? Der stammt von einem Vogelkundler. Ein Ornithologe namens James Bond hatte ein Buch geschrieben, das auf Flemings Schreibtisch lag. Er brauchte einen Namen für seine Figur, sein Blick fiel darauf – fertig.
Das Beste daran: In Stirb an einem anderen Tag (dem letzten Pierce Brosnan Film) gibt sich Bond auf Kuba als Ornithologe aus. “Diesen Inside Joke blicken vielleicht 1% der Zuschauer”, meint Stefan. Aber genau das macht die Reihe aus – sie belohnt treue Fans mit solchen Details.
Die Bond-Girls-Debatte – Schmuckwerk oder starke Charaktere?
Das Thema wird angerissen, aber bewusst für den nächsten Teil aufgespart. Gordon fasst die Entwicklung zusammen: “In den 60ern war das gesellschaftlich anerkannter. Heutzutage haben sie es gut hinbekommen, starke weibliche Charaktere zu platzieren. Das ist absolut zeitgemäß.”
Stefan weist darauf hin, dass es auch in den älteren Filmen Gegenbewegungen gab: In Der Spion, der mich liebte wurde Bond bewusst eine ebenbürtige russische Agentin zur Seite gestellt. Und Pussy Galore in Goldfinger ist alles andere als ein passives Bond-Girl – auch wenn der Name… naja.
“Führt immerhin zu guten Austin Powers-Witzen”, merkt Andreas trocken an.
Lieblingsfilme – Die Empfehlungen der Runde
Zum Abschluss packt jeder seinen Favoriten aus:
- Andreas: Goldfinger – “Weil der so schön bodenständig ist. Wo trifft Bond den Bösewicht? Am Hotelpool. In Badehose.”
- Stefan: Pro Dekade einen: Goldfinger (60er), Der Spion, der mich liebte (70er), In tödlicher Mission (80er), Golden Eye (90er), Casino Royale (2000er)
- Gordon: Die beiden Timothy Dalton Filme – “Bitter ernst, kein Klamauk, der Bösewicht ist ein fucking Drogenhändler und Bond macht das aus persönlicher Rache. This time it’s personal.”
- Tobi: Golden Eye und Casino Royale – plus Goldfinger als Klassiker
🎮 Wusstet ihr schon?
🎬 Die Prätitel-Sequenz – die Actionszene vor dem Filmtitel – ist eine Erfindung der James Bond Reihe. Vorher gab es das in keinem Film.
🐦 Der Name “James Bond” stammt von einem echten Ornithologen, dessen Buch auf Ian Flemings Schreibtisch lag. In “Stirb an einem anderen Tag” gibt sich 007 als Vogelkundler aus – ein Inside Joke für Kenner.
🚗 Der BMW Z3 in Golden Eye existierte zum Drehzeitpunkt noch gar nicht. BMW schickte einen zusammengeklebten Prototypen per Charterflug zum Set – und das Auto durfte im Film keinerlei Gadgets haben.
🚀 Moonraker (1979) war ursprünglich gar nicht geplant. Nach dem Mega-Erfolg von Star Wars wurde der Film zwischengeschoben, weil Bond unbedingt auch ins Weltall musste.
🎵 Shirley Bassey hat dreimal den Bond-Titelsong gesungen und einen Oscar dafür erhalten – für einen Künstler gilt es als Auszeichnung, für einen Bond-Film singen zu dürfen.
Dies ist Teil 1 einer 7-teiligen James Bond Reihe im Videogamecast. In den folgenden Teilen geht es weiter mit den Filmen, den Schauspielern, dem Franchise-Drama – und ab Teil 5 dann endlich mit den über 80 James Bond Spielen, die es tatsächlich gibt. Wer sich für die DNA hinter Retro-Shootern interessiert, findet in unserer id Software Retrospektive weitere Hintergründe. In Teil 6 geht es weiter mit den restlichen James Bond Spielen von NightFire bis 007 Legends, und im großen Finale – Teil 007 – wird der emotionalste Bond-Film aller Zeiten besprochen: Keine Zeit zu sterben.
Viel Spaß beim Hören!
Tobi & Gordon
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